Tsaplya Olga Egorova, Dmitry Vilensky und Nikolay Oleynikov
in collaboration mit Vera Shchelkina (Choreography) und Maria Markina (Musik)
Fell Down – Get Up
Eröffnung: Freitag 11. September, 19 Uhr-23 Uhr

Ausstellung: 11. September – 18. Oktober 2026
Organisiert von: Gergely László
Geöffnet nach Vereinbarung:
Künstler:innengespräch: 13. September 2026, 16:00 – 19:00 Uhr, Was ist zu tun?
Chto Delat im Gespräch mit Joanna Warzsa (Stadtkuratorin Hamburg) auf Englisch.
Fell Down – Get Up ist eine Multimedia-Installation, die Film, Lectureperformance, Collage und partizipative Elemente zu einem einheitlichen narrativen Umfeld vereint. Das von Chto Delat International gemeinsam entwickelte Projekt ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit einer Gemeinschaft von Künstler*innen, Aktivist*innen, Musiker*innen und Migrant*innen aus Russland, die in Deutschland leben und durch gemeinsame Erfahrungen von Vertreibung, Krieg, politischer Unterdrückung und dem Zusammenbruch emanzipatorischer Hoffnungen verbunden sind.
Die Installation erkundet die emotionale und politische Landschaft, die von Manipulation und Widerstand, Verrat und Solidarität, Hoffnung und Verzweiflung, Ironie und Empathie geprägt ist. Obwohl das Werk in den Erfahrungen zeitgenössischer Migrant*innen verwurzelt ist, befasst es sich mit weiterreichenden Fragen nach dem zyklischen Scheitern revolutionärer Bewegungen, dem Fortbestehen sozialer und ökologischer Ungerechtigkeit sowie der Möglichkeit kollektiven Handelns in einer zunehmend fragmentierten Welt. Aus einer marginalen postsozialistischen und postrevolutionären Perspektive reflektiert sie die deutsche Geschichte und setzt sich gleichzeitig mit dem gegenwärtigen globalen politischen Zusammenbruch auseinander.
Konzeptioneller Ausgangspunkt sind Werner Tübkes monumentales Bauernkriegspanorama und Rainer Werner Fassbinders Niklashauser Fart. Anstatt diese Werke als historische Denkmäler zu betrachten, reaktiviert Fell Down – Get Up ihr emanzipatorisches Potenzial und fragt, wie kollektives Gedächtnis, Vorstellungskraft und Solidarität eine politische Niederlage überstehen können.
Im Mittelpunkt der Installation steht der 2025 in der ehemaligen Bergbaustadt Hettstedt gedrehte Spielfilm Songs of Hope and Despair. Als Mischung aus Roadmovie, ritueller Performance und politischem Märchen folgt der Film einer Prozession symbolischer Figuren, die von Fragmenten aus Tübkes Gemälde inspiriert sind – darunter der Bundschuh, der Fisch, der Regenbogen, der tote Trommler und die Muse, die Deutschland verlässt –, während sie durch eine Landschaft ziehen, die von einem Trickster-Magier manipuliert wird. Begleitet von den eindringlichen Stimmen von Wilder ChorYander suchen sie nach Gerechtigkeit und sehen sich dabei unsichtbaren Kräften gegenüber, die ihr Schicksal bestimmen. Ihre Verletzlichkeit, ihre Beharrlichkeit und ihre gegenseitige Fürsorge werden zu Ausdruck von Hoffnung und Solidarität.
Keiner der Darsteller ist ein professioneller Schauspieler. Jeder Teilnehmer entwickelte seine eigene Figur durch persönliche Erfahrungen, kollektive Improvisation und die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Gegenwart. Ihre Präsenz verleiht dem Werk eine ungewöhnliche Kombination aus Authentizität, Verletzlichkeit, Humor und kollektiver Vorstellungskraft.
Die Installation umfasst zudem zwei weitere Filmarbeiten: Some Blind Encounters on the Way to Niklashausen, das die Erzählung des Hauptfilms fortsetzt, sowie die Lectureperformance „What if an Apocalypse Is Now the New Normal?“ der Philosophin Oxana Timofeeva, die sich mit der Normalisierung permanenter Katastrophen auseinandersetzt.
Ergänzt wird das visuelle Gesamtbild durch 21 Episodes: A Brief Guide to the Film Songs of Hope and Despair – eine Serie von einundzwanzig Collagen und einem Brettspieltisch, der zugleich als Karte, Archiv und narratives Mittel fungiert. Durch die Kombination von Fragmenten aus Tübkes Panorama, Filmstills, historischen Bildern und zeitgenössischem Bildmaterial verweben die Collagen Geschichte, Mythologie und aktuelle politische Realitäten miteinander.
Gemeinsam bilden die Filme, die Lectureperformance, die Collagen und der Brettspieltisch eine immersive Installation, die die Betrachter dazu einlädt, sich zwischen verschiedenen Zeitlichkeiten, politischen Vorstellungswelten und historischen Erinnerungen zu bewegen. Anstatt eine lineare Erzählung oder eine endgültige Interpretation anzubieten, schafft Fell Down – Get Up einen Raum für kollektive Reflexion über Niederlage, Widerstandsfähigkeit und die ungewisse Möglichkeit eines Neuanfangs.
Die Produktion dieses Films und dieser Installation entstand im Rahmen der Ausstellung Planetarische Bauern im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) vom 23. Mai bis zum 14. September 2025. Mit zusätzlicher Unterstützung des Kunstmuseums Wolfsburg (Ausstellung Utopia. Das Recht auf Hoffnung) und des Institute of Global Reconstitution (Berlin).
Über die Künstler:innen:
Chto Delat (Was tun?) ist ein internationales Kollektiv aus Künstler:innen, Philosoph:innen, Schriftsteller:innen und Aktivist:innen, das 2003 in Sankt Petersburg gegründet wurde. Das Kollektiv ist in den Bereichen Film, Installation, Theater, Publikationen und Bildung tätig und verbindet zeitgenössische Kunst mit politischer Theorie und kollektiver Forschung. Chto Delat Arbeiten wurden weltweit in bedeutenden Museen und auf Biennalen präsentiert, darunter die documenta 12 (Journal of Journals), die Gwangju-Biennale und zahlreiche internationale Ausstellungen, und befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen (Museum of Modern Art, New York; Van Abbemuseum, Eindhoven; Museo Reina Sofía, Madrid; Centre Pompidou, Paris; MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI; MUDAM, Luxemburg und andere). Nach dem erzwungenen Exil der meisten Mitglieder infolge des umfassenden russischen Einmarsches in die Ukraine im Jahr 2022 setzt das Kollektiv seine Arbeit als Chto Delat International von Hamburg und Berlin aus fort.
Die Ausstellung bei after the butcher wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung der
