Alle Beiträge von Thomas Kilpper

atb#90 – String Figures

Jamila Barakat, Mengna Tan, Eva Ďurovec und Nikita Kadan

Ausstellungseröffnung: Freitag, 1. April ab 19 Uhr

Ausstellung 2. April – 15. Mai 2022

Finissage: Sonntag, 15. Mai – 15-18 Uhr

geöffnet nach vorheriger Anmeldung: mailto@after-the-butcher.de oder +49 178 3298 106 
30. April, 18 Uhr: Book Launch „New Mind Mapping Forms“ von und mit Eva Ďurovec
In den Ausstellungsräumen bitten wir Abstand zu halten und Mund- Nasenschutzmasken zu tragen. 

After the Butcher, Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst und soziale Fragen, freut sich, seine nächste Ausstellung „String Figures“ mit den Künstlerinnen Jamila Barakat, Mengna Tan, Eva Durovec und Nikita Kadan zu präsentieren.

In Donna Haraways Staying With The Trouble ist eine Figur allgegenwärtig: SF. Diese Figuration scheint mehr zu sein als nur eine Abkürzung. Sie scheint ein Subjekt zu sein, das verschiedene Möglichkeiten und Methoden, Gedankenexperimente und gemeinsame Praktiken des Austauschs und der Interaktion eröffnet. Medienübergreifende und multidisziplinäre Praktiken, die manchmal funktionieren, manchmal scheitern, aktiv sind und manchmal stillstehen.
Wie Fadenfiguren schlagen sie den Teilnehmer:innen Muster vor, die sie auf einer verletzlichen und verwundeten Erde irgendwie beleben können, und setzen sie um. Haraway beschreibt die Figur mit den Buchstaben SF.
SF kann vieles sein: Science Fiction, spekulative Fabulation, String-Figuren, spekulativer Feminismus, Science-Fact, so far…

„Ich denke an SF und Fadenfiguren in einem dreifachen Sinne von Figuration. Erstens versuche ich, die Fasern in verklumpten und dichten Ereignissen und Praktiken herauszuziehen und den Fäden zu folgen, wohin sie führen, um sie aufzuspüren und ihre Verwicklungen und Muster zu finden, die entscheidend dafür sind, dass man an realen und besonderen Orten und Zeiten an den Knackpunkten bleibt.“

Durch das Spielen mit Fadenfiguren entstehen neue Muster oder Bilder, die neue Verstrickungen und Zusammenhänge offenbaren.In der Ausstellung „String figures“ sind die Künstler:innen der SF auf der Spur, indem sie Themen und Kontexte des spekulativen Feminismus, der spekulativen Fabulierung, der Science Fiction und so weiter (and so far) bearbeiten, scheitern und erforschen…
Ein Dialog untereinander beginnt, Verbindungen zueinander entstehen.
Während wir die Ausstellung vorbereiten, hat das russische Regime unter Putin seinen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, einen weiteren Faden aufzugreifen: Wir haben den ukrainischen Künstler Nikita Kadan eingeladen, an der Ausstellung teilzunehmen. Kadan lebt in Kiew und muss sich in seinem Heimatland vor den russischen Bombardements schützen. Wir freuen uns, zwei seiner beeindruckenden Kohlezeichnungen aus der Serie „Minsk Masks“ zeigen zu können*). Insofern kann SF auch als ein Zeichen gegen den Krieg gelesen werden: stay friends oder seid friedlich statt Strike Forces.

*) Nikita Kadan schreibt: „Diese ‚Masken‘ habe ich in Ornamenten an der Decke der Minska-Station der Kiewer Metro gefunden, als ich sechs Jahre alt war. Sie waren wirklich beängstigend, und ich hatte das Gefühl, dass ich immer wieder neue finden kann. Die ornamentale Komposition „Baum des Lebens“, die auf belarussischen Volksornamenten basiert, wurde von den Künstlern Stepan und Vasyl Khymochka 1982, dem Jahr meiner Geburt, geschaffen. Viel später fand ich heraus, dass Belarus historisch gesehen mit einer Partisanenbewegung in Verbindung gebracht wurde – diese Assoziationen können den getarnten Gesichtern, die sich zwischen den Blumenmotiven verbergen, eine neue Bedeutung verleihen.“ Diese Zeichnungen sind insofern sehr aktuell, dass U-Bahn-Stationen wie die Minska-Station in Kiew bekanntlich im Moment den Menschen als Schutz vor dem Beschuss und der Bombardierung dienen…

http://www.mirmetro.net/kyiv/cruise/02/11_minska

atb #83 | Learning to Dwell otherwise within the ruins

Vermeir & Heiremans, Julia Cremers & PARALLAX Lab

Pressemitteilung

Learning to dwell otherwise within the ruins

Vermeir & Heiremans, Julia Cremers & PARALLAX Lab

Ausstellung: 19. März 2021 – 25. April 2021

after the butcher freut sich, in der kommenden Ausstellung zwei Künstler*innenpositionen zu zeigen, deren Arbeit sich mit Gebäuden, Ruinen und Fragen ihrer Wertschöpfung auseinandersetzt. Gleichzeitig nähern sich beide Positionen dem weiten Feld der Spekulation und fordern neue Handlungsräume dagegen ein.

Das Künstlerduo Vermeir & Heiremans zeigt den Kurzfilm A Modest Proposal (in a Black Box). Der Film untersucht, ob „Finanzialisierung“ zu einem Werkzeug für die Schaffung gerechterer Verhältnisse umgewidmet werden kann. Die Künstlerinnen schlagen ein Modell vor zur Finanzialisiserung öffentlicher Kunstsammlungen, Museumsimmobilien und/oder deren symbolisches Kapital. Dieses Modell soll einen Kreislauf des Wohlstands erzeugen, von dem nicht nur Investoren und Institutionen profitieren, sondern auch die Schöpferinnen dieser Werte, die ursprünglichen Teilhaberinnen – die Künstlerinnen und Kunstschaffenden.

Im Film diskutieren Vermeir & Heiremans die Finanzialisierung der Pump House Gallery im Battersea Park in London als Fallbeispiel mit ihrem Anwalt. Die Galerie befindet sich in der Nähe der Battersea Power Station, einem ehemaligen Kohlekraftwerk aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das nach 40 Jahren Leerstand derzeit unter Beteiligung von „Starchitekten“ wie Frank Gehry und Foster & Partners zu einem Luxus-Einkaufszentrum samt Luxus-Appartements umgebaut wird. Die steigenden Immobilienwerte in der Nachbarschaft werden den Vermögenswert des Galeriegebäudes in die Höhe „pumpen“. Bezieht man dies in das globale Finanzmodell der Künstler ein, würden Mehrwerte für die breitere Kunstgemeinschaft ausgeschüttet.
Was davon ist ironische Kritik und was Sehnsucht nach Teilhabe? In jedem Fall legen die Künstler*innen die erzeugten sozialen Spannungen und Widersprüche zwischen Spekulation und Profitmaximierung und Grundbedürfnissen nach Wohnraum offen.

Julia Cremers und PARALLAX zeigen ihre kollektiven Video- und 3D-Arbeiten Ruin Figments and Reconstructed Memories (Fantasierte Ruinen und Rekonstruierte Erinnerungen). Im Zentrum beider Arbeiten steht eine Architekturanlage im Wiener Schlosspark Schönbrunn aus dem Jahr 1778, die die Überreste nach der römischen Belagerung von Karthago 146 v. Chr. darstellt.
Diese künstliche Ruine, die zur Mode der Landschaftsgestaltung im 18. Jahrhundert passte, sollte die Macht der Habsburger Monarchie manifestieren und deren imperiales Streben über die Identifikation mit dem siegreichen Römischen Reich legitimieren: Spekulation auf kulturelles Kapital.

Die Arbeit von PARALLAX ist eine Fortführung dieser Reimaginationsprozesse in die Gegenwart hinein. Das virtuelle Pendant der Ruine wird mit fotogrammetrischen Methoden extrahiert, anschließend verzerrt und rematerialisiert. Die daraus resultierende 3D-gedruckte Skulptur macht auf implizite Veränderungen jeder Reproduktionsphase aufmerksam und hinterfragt so die kulturellen Auswirkungen des imperialen Zusammenbruchs und dessen Aneignungsversuche durch neue Machtstrukturen. Der Videoessay ist eine weitere Enthüllung dieses vielschichtigen Gebildes und legt die materiellen Ressourcen und menschlichen Anstrengungen offen, die für die Konstruktion von (virtuellen) Räumen erforderlich sind.

Ein drittes visuelles Element sind die Fotografien unter dem Titel Ruins von Julia Cremers, die militärische Befestigungsanlagen aus der Zeit des Nazi-Faschismus und der deutschen Besatzung in Bergen/Norwegen zeigen. Heute dienen sie als Kulisse für Raves. Die Umwidmung dieser historisch belasteten Orte für Veranstaltungen und Feiern kann als problematisch und befreiend zugleich betrachtet werden. Sie stellt eine Form der Wiederaneignung historisch aufgeladener Räume dar, die mit neuen Erzählungen und kultureller Bedeutung überlagert werden und so die Geschichte weiterschreiben.

A Modest Proposal (in a Black Box) wird von einer Publikation begleitet, die eine Reihe von Aufsätzen eines Symposiums zusammenfasst, das 2018 von Vermeir & Heiremans am Royal College of Art, London organisiert wurde.

Filmnachweis:

HD Video, 28′ 7″, Ton & Farbe, UK-Belgien, 2018
mit Luke Mason, Heike Langsdorf, Vermeir & Heiremans
Kamera: Amir Borenstein
Ton: Justin Bennett

Produktion: Jubilee vzw, mit Unterstützung von: Die Flämische Gemeinschaft; Art et Recherche asbl; Federation Wallonie-Bruxelles; Pump House Gallery; Wandsworth Council; Enable Leisure and Culture; Art Council England; Cockayne-Grants for the Arts; The London Community Foundation

Ruin Figments and Reconstructed Memories, Video-Essay und 3D-gedruckte Skulptur 

Filmnachweis: 
HD Video, Ton & Farbe, Deutschland-Österreich, 2021
Kamera: Lena Kocutar, Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer, Julia Cremers
Ton und Schnitt: Julia Cremers
Research: Lena Kocutar, Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer, Polina Nikoulitcheva, Julia Cremers

Vermeir & Heiremans präsentierten Arbeiten bei: 10. und 13. Istanbul Biennale (2007 & 2013), Arnolfini, Bristol (2009), Nam June Paik Art Center, Yongin (2010), Viennale, Wien (2011), 7. Shenzhen Sculpture Biennial (2012), Manifesta 9, Limburg (2012), Argos, Brüssel (2012), Extra City, Antwerpen (2012), Riga Art Space (2013), Rotwand Gallery, Zürich (2014), Triennale Brugge (2015), Dojima River Biennale, Osaka (2015), Galerie Georg Kargl, Wien (2015), Transmediale, Berlin (2016), Bucharest Biennale 7 (2016), Glassyard Gallery, Budapest (2018), The Atlantic Project, Plymouth (2018), Pump House Gallery, London (2018), Carico Massimo, Livorno (2019), Kunsten Museum of Modern Art, Aalborg (2020).

Julia Cremers absolvierte 2016 in Audiovisueller Kunst an der Gerrit Rietveld Academy Amsterdam (Bachelor) und 2018 in Bildender Kunst an der University of Bergen Faculty of Fine Art (Master). Sie präsentierte Arbeiten bei: Dutch Design Week Eindhoven (2014), Van Nelle Fabrik Rotterdam (2015), Gallerie Bart Amsterdam (2016), Eye Film Museum (2016), Bergen Kunsthall (2018), Deichtorhallen Hamburg (2019), Errant Sound (2020), Alte Feuerwache Köln (2020), Berlin School Of Sound (2021). Cremers ist seit September 2020 Mitglied bei Errant Sound.

PARALLAX Lab, Ruin Figments and Reconstructed Memories ist ein Gemeinschaftsprojekt initiiert von der Künstlerin Julia Cremers mit den Studierenden Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer (Technomathematik, TU), Polina Nikoulitcheva (Architektur, TU) und Lena Kocutar (Lensbased Class UdK). Produziert im Rahmen von PARALLAX Lab, einer Initiative der Universität der Künste Berlin und der Technischen Universität Berlin. Mit der Unterstützung von FormLabs Berlin.

gefördert durch: