atb #81 | Invisibility Chronicles, Part One / Dubai Gold, Coir Kerala

Michael Baers & Sophie-Therese Trenka-Dalton


Invisibility Chronicles, Part One / Michael Bears
Dubai Gold, Coir Kerala / Sophie-Therese Trenka-Dalton

Ausstellung: 9. Oktober bis 8. November 2020

Geöffnet nach Vereinbarung: ina@after-the-butcher.de oder 01783298106. In den Ausstellungsräumen bitte eine Behelfsmaske tragen.
Am 11. Oktober 2020 um 16 Uhr laden wir zum Künstler*innengespräch ein. Die Veranstaltung findet im Hof statt, Anmeldung erforderlich unter: ina@after-the-butcher.de

Invisibility Chronicles, Part One

Warum werden manche Konflikte, Situationen oder Ereignisse in der westlichen Zivilgesellschaft bekannt, während andere im Dunkeln bleiben? Wie organisieren die Massenmedien unser Verständnis der heutigen Welt? Welche sozialen und kulturellen Konsequenzen ergeben sich, wenn Geschichten von internationaler Relevanz aus der hegemonialen Welterzählung der Medien herausfallen? Welchen Vorteil haben mächtige Nationalstaaten, wenn sie die Sichtbarkeit einiger Geschichten erhöhen, während andere in die Zone der Unsichtbarkeit verbannt werden? Was in den medialen Diskurs einfließt und wie er gerahmt wird, unterliegt einer komplexen Reihe von Mechanismen, die zum Teil durch die geopolitischen Interessen mächtiger Nationen diktiert werden. Ausgehend von früheren Forschungen über den ungelösten Konflikt in der Westsahara untersucht Invisibility Chronicles, Part One diese Mechanismen und konzentriert sich dabei auf eine aktuelle Situation, in der die internationalen Nachrichtenzyklen der Massenmedien eine Geschichte mit tiefgreifenden ökologischen Auswirkungen unsichtbar gemacht haben: die fortlaufende Saga von FSO Safer. Dieses schwimmende Lagerungs- und Entladungsschiff, das sich früher im Besitz der staatlichen jemenitischen Ölgesellschaft befand und seit 2015 von den Houthi-Rebellen besetzt ist, liegt zurzeit vor der jemenitischen Küste wo es gestrandet ist. Seine Ladung von 1,1 Millionen Barrel Öl ist in unmittelbarer Gefahr, entweder auszulaufen oder zu explodieren – und bedroht das Rote Meer mit einer Umweltkatastrophe, die die Menschen und die Umwelt der Region für Generationen in Mitleidenschaft ziehen könnte. Michael Baers‘ Untersuchung der FSO Safer-Geschichte hat die Form eines grafischen Essays, in dem er darlegt, wie die Behandlung der Geschichte durch die Massenmedien die vorherrschende Sichtweise des Konflikts verstärkt und sie dann dorthin kommt, wo ehemals dringliche Nachrichtenmeldungen hingehen, wenn sie aufhören „Nachrichten“ zu sein. Dabei zwingt er den Betrachter, in den Worten von Avery Gordon, „diese traurige und versunkene Couch zu besetzen, die genau an jenem Ort versinkt, an dem eine unerinnerbare Vergangenheit und eine unvorstellbare Zukunft uns Tag für Tag zum Sitzen zwingen“. Dieses Werk wurde in einer limitierten Auflage produziert, die der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung steht.

Dubai Gold, Coir Kerala

Mit der Installation Dubai Gold, Coir Kerala präsentiert Sophie-Therese Trenka-Dalton drei aktuelle Videoarbeiten, die zwischen 2017 und 2019 im südindischen Bundesstaat Kerala entstanden sind.

Die zwei Videos Dubai Ports World Kochi (2018) und Dubai Gold and Diamonds (2018) thematisieren die Verbindung zwischen Kerala und den Vereinigten Arabischen Emiraten und bilden die Fortsetzung des Langzeitprojekts Dubayyland (2009-2015). Über ihre Reisen in die VAE erfuhr die Künstlerin von dem speziellen Bezug zwischen den zwei Regionen. Seit den 1970ern sind die Emirate und andere Golfstaaten ein zentrales Ziel für Arbeitsmigration aus Kerala. Der jahrzehntelange Austausch prägt mittlerweile sowohl die persönlichen Biographien als auch die wirtschaftliche Struktur von Kerala. Die Videos zeigen Orte, die auf diese Verbindung verweisen, wie der Containerhafen von Kochi, der von der emiratischen Firma Dubai Ports World betrieben wird oder die zahlreichen Ladengeschäfte und Werbeplakate, die nach Städten in den Emiraten benannt sind und mit ikonischen Motiven wie den Burj Khalifa werben.

Die Videoarbeit Coir Kerala (2019) dokumentiert die lokale Verarbeitung von Kokosfaser (Coir) in dörflichen Kleinbetrieben. Coir-Matten sind ein wichtiges Regionalprodukt des tropischen Kerala und werden sowohl im häuslichen Gebrauch wie auch als Geotextilien zur Landbefestigung eingesetzt. Die Kleinbetriebe sind gewerkschaftlich in Kooperativen organisiert. Hier arbeiten zum größten Teil Frauen, die damit neben der Haushaltsversorgung etwas Geld verdienen. Allerdings fehlt dem Coir-Handwerk aufgrund der niedrigen Löhne der Nachwuchs. In den letzten Jahrzehnten wurden durch gewerkschaftliche Organisation zwar Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erreicht, gleichzeitig wird der Coir-Sektor aber nicht ausreichend modernisiert, da dies den Verlust lokaler Arbeitsplätzen bedeuten würde und Folgen für das ökonomische Gleichgewicht der dörflichen Lebensstrukturen in Kerala hätte.

Die Videoarbeiten wurden mit Unterstützung des Goethe-Instituts / Max Mueller Bhavan Bangalore und der Kochi Biennale Foundation realisiert.

Michael Baers

(* 1968) ist ein in Berlin lebender amerikanischer Künstler und Schriftsteller, der seine künstlerische Arbeit in Deutschland und im Ausland ausgestellt hat, unter anderem im Haus der Kulturen der Welt, im Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main, im Van Abbemuseum und im Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien Graz. Seinen Doktortitel erhielt er 2014 von der Akademie der Bildenden Künste Wien aus deren engagierter künstlerischer Forschungsabteilung. Seit 2010 konzentriert sich ein Großteil seiner Arbeit auf die kulturellen Folgen der Konfliktbewältigung im Nahen Osten und Afrika. Im Jahr 2014 veröffentlichte er einen längeren Graphic Novel/Dokumentarfilm, Eine mündliche Geschichte Picassos in Palästina, über das Picasso in Palästina-Projekt 2011 online mit dem Haus der Kulturen der Welt. Er erschien 2016 in Buchform im adocs verlag (Hamburg). Er hat auch viele Essays über zeitgenössische Kunst und künstlerischer Forschung, Kulturpolitik und Urbanismus veröffentlicht und zu einer Vielzahl von Buch- und Publikationsprojekten und international anerkannten Zeitschriften wie der Zeitschrift e-flux, Vector – critical research in context und Memory Studies beigetragen. Gegenwärtig ist er Affilierter Wissenschaftler am Leibniz Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin.

Sophie-Therese Trenka-Dalton

(*1979 Berlin) arbeitet mit Installation, Fotografie und Video. In längerfristigen Projekten untersucht sie kulturelle Aneignungsprozesse, die im Zuge der Implosion, Verschiebung und Neuformierung von Machtzentren entstehen.

2016 veröffentlichte sie ihren erste Katalog „PALMS“ (Textem Verlag), der Arbeiten zur Rezeption des antiken Mesopotamien, der jüngeren Geschichte des Irak und über Architektur in den Vereinigten Arabischen Emirate zusammenfasst. 2017 folgten Reisen nach Südindien, um den Bezug zwischen Kerala und den Golfstaaten nachzuvollziehen. Aktuell arbeitet die Künstlerin an der Umsetzung der Veranstaltungsreihe „The Sky was the Limit – Kunst und Astronomie in der Archenhold-Sternwarte“, die im Sommer 2021 stattfindet.

Einzel- und Gruppenausstellungen (Auszug):  Kochi Biennale Foundation, Kochi, Indien (2018), Hamburger Bahnhof, Berlin (2018), Neuer Berliner Kunstverein (2017 & 2006), Alserkal Avenue, Dubai (2017), KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2015), Heidelberger Kunstverein (2014), Kunstraum Michael Barthel, Leipzig (2012), Serpentine Gallery, London (2011), Klaus von Nichtssagend Gallery, New York (2011), DEPO, Istanbul (2010), TÄT, Berlin (2009), Nice and Fit Gallery, Berlin (2008), Foundation d`Enterprise Ricard, Paris (2008), HarrisLieberman Gallery, New York (2008), Institut im Glaspavillon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (2007).

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