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atb #80 | Killing Me Softly / Passive Bewaffung

Claudia Reinhardt & Cornelia Herfurtner

Ausstellung: 5. September bis 4. Oktober 2020

Aufgrund der aktuellen Situation findet keine Eröffnung statt. Wir laden ein, die Ausstellung in Anwesenheit der Künstlerinnen zu besuchen:
4. September von 18 – 22 Uhr und 12., 19., 26. September und 3. Oktober, jeweils von 15 – 18 Uhr,
Anmeldung erforderlich unter after-the-butcher
Auch individuelle Besuchstermine sind unter dieser Email zu vereinbaren.

Passive Bewaffnung

Rein rechtlich begehen wir derzeit bei jeder organisierten Menschenansammlung eine gesetzliche Straftat. Dank Covid-19 ist ganz Deutschland passiv bewaffnet, trägt Masken und Plastikschutzschirme vor dem Gesicht, ja hat sogar die Pflicht sich zu vermummen. Was ist passiert?
Nach den 68er Protesten beginnen sich die Menschen in den 1970er Jahren der BRD auf Großdemonstrationen verstärkt zu vermummen, zum Schutze ihres eigenen Persönlichkeitsrechts, denn wer auf die Straße geht und erkannt wird, dem droht die Entlassung in Betrieben oder auch vom Schuldienst. Durch das 1977 eingeführte Antiterrorgesetz gilt: Wer vermummt auf eine Demo geht, rechnet mit Gewalt, provoziert sie. Die „passive Bewaffnung“ ist geboren, Vermummung verboten. Nach Brokdorf und den großen Anti-Atomkraftbewegungen verschärfen sich die Gesetze noch einmal. Passiv bewaffnet ist nun jede*r, die/der sich mit jeglicher Schutzbekleidung oder Objekten ausstattet, die vermuten lassen, dass mit Polizeigewalt gerechnet wird. Selbst wenn das Gegenüber spätestens seit Gründung der GSG 9 Einheit aussieht, als ziehe es bei jeder 1. Mai Demonstration – oder beim G20 Gipfel – in den Krieg gegen die eigenen Bürger*innen.
Und so gilt: Keine Fahrradhelme, keine Taucherbrille, keine verstärkten Handschuhe, bitte kein Zahnschutz und am besten auch sämtliche Schlüssel zu Hause lassen, solltet ihr vorhaben, auf eine Demo zu gehen!
Nun ist das mit dem aktiven Selbstschutz vor dem potentiellen Angriff gerade etwas heikel: Wer vermummt sich jetzt für wen oder gegen was und wer oder was ist denn nun eigentlich „der Feind“? Cornelia Herfurtners gemeißelte Reliefs sind Stilleben einer BRD-Geschichte um Aufstand und repressive Staatsgewalt, deren Fortsetzung mit Sicherheit folgt.

Killing Me Softly

Nirgendwo sein, nirgendwo bleiben. Tauchen, ruhen, sich ohne Aufwand von Kraft bewegen – und eines Tages sich besinnen, wieder auftauchen, durch eine Lichtung gehen […]. Mit dem Anfang beginnen.“ (I. Bachmann, Undine geht)

Der Suizid ist eine Form von Gewalt, aber auch von Freiheit. Zwischen 2000 und 2004 reinszenierte Claudia Reinhardt fotografisch zehn Selbsttötungen bekannter Künstler*innen – Persönlichkeiten, die sie selbst faszinierten und deren Werk und Leben sie in ihrer Arbeit beeinflussten. Als eine Art persönliches Tribut lässt Reinhardt dabei Fiktion und Realität ineinander verschmilzen, recherchierte für jedes Foto sowohl in der Literatur als auch in den Archiven, was genau jene Frauen* dazu getrieben hat, sich aus dem Leben zu verabschieden. Dabei sind die Motive und Methoden sehr unterschiedlich: Es gibt den geplanten und exakt durchgeführten Suizid, etwa bei Sylvia Plath oder Anne Sexton und es gibt die langsame Zerstörung des eigenen Körpers, wie etwa die Tabletten- und Alkoholsucht Ingeborg Bachmanns. Reinhardt wählt dabei eine durch und durch psychologische Annäherung an ihre Vorbilder, indem sie selbst in die Rolle der Sterbenden schlüpft: sie reenacted die zehn Tode, den Moment bis ins Detail ausgestattet und lässt sich dabei fotografieren. Stünde jenes Adjektiv an dieser Stelle nicht in genauer Opposition zum Dargestellten, ließe sich die Szenerie durch ihren filmstillhaften Charakter tatsächlich als „lebendig“ beschreiben. Was veranlasste diese Frauen*, sich dem Leben entgegenzusetzen, zu entziehen? Die möglichen Gründe scheinen dabei leider noch immer nicht aus dieser Welt geräumt: patriarchale, physische Gewalt, faschistische Systeme, fehlende Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer Werke, um hier nur einige zu nennen. Ohne den Suizid verherrlichen zu wollen, halten Reinhardts Fotos daher auch einen Moment größter Selbstbestimmung fest.

Aber so kann ich nicht gehen. Drum laßt mich euch noch einmal Gutes nachsagen, damit nicht so geschieden wird. Damit nichts geschieden wird.“ (ebd.)

Nadja Abt, Berlin, 2020

Claudia Reinhardt

(* 1964 in Viernheim/Südhessen) hat an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg studiert. Von 2000 – 2012 lehrte sie an der National Art Academie in Bergen, Norwegen als Professorin im Fachbereich Fotografie. Bekannt wurde Reinhardt u.a. durch ihr fotografisches Werk Killing Me Softly – Todesarten (Aviva Verlag, Berlin 2004), einer Fotoserie, die sich mit Künstlerinnen beschäftigt, die sich selbst töteten. Reinhardt inszeniert diese Suizide mit ihr als Model. In der Arbeit No Place Like Home (Verbrecher Verlag, 2005), geht es um die Bedeutung von Herkunft und Identität. Die Arbeit Tomb of Love (Verbrecher Verlag, 2016) setzt sich noch einmal mit dem Thema Suizid auseinander und inszeniert Paare, die sich gemeinsam das Leben nahmen. Um Trauer und Erinnerung handelt die Arbeit Witwen/Widows, eine dokumentarisch – konzeptionelle Fotoarbeit, die 2020 bei The Green Box, Berlin publiziert wird.
Ausstellungen: Haus am Kleistpark, Berlin (2018); Kunstgeschichtliches Museum, Osnabrück (2017); Galerie Malopolski Ogród Sztuki, Krakau (2016); Galerie im Körnerpark, Berlin (2015); Corean Art Museum, Seoul (2015); Galerie F15, Moss, Norwegen (2015); Contemporary Art Museum, Roskilde (2015); Fotogalleriet Format, Malmö (2014); Meta House, Phnom Penh (2011); Kunsthalle Memmingen (2010); IDFX, Breda Photo Festival, Breda (2007); Micro Museum, Zürich (2009); Brooklyn Museum, New York (2004) u.a.

Cornelia Herfurtner

(* 8. Mai 1987) ist Künstlerin und in der Interventionistischen Linken organisiert. Im Bündnis Rheinmetall entwaffnen arbeitet sie gegen Waffenproduktion und Waffenexporte und Deutschlands größten Waffenproduzenten Rheinmetall. Als Künstlerin arbeitet sie unter ihrem bürgerlichen Namen als auch mit der Künstler_innengruppe ‘Michelle Volta’ und dem Verlag und Buchladen b_books. Zu ihren letzten Projekten gehören eine Serie von Fotos unter dem Titel ‚freedom and control of others (including myself)‘ (veröffentlicht in starship #19) und das kollektiv unterrichtete Seminar ‘Selbstorganisation und Hochschule’ (gemeinsam mit Ernest Ah and Anastasio Mandel, Universität der Künste Berlin). Ihr Video-Essay ‚Frauen verlassen das Museum’ (in Zusammenarbeit mit David Polzin) ist noch bis Januar 2021 im Mitte Museum in Berlin-Wedding zu sehen.

Mit freundlicher Unterstützung:

atb #47 | Immer noch allein, Karriereseife?

Vivi Abelson, Nadja Abt, Carl Berzow, Ellie de Verdier, Dominik Gajarský, Marius Glauer, Mathiew Greenfield, Cornelia Herfurtner, Annika Högner, Fred Laur, Anastasia Mandel, John MacLean, Jana Mendelski, Lou Mouw, Johannes Ernst Nowak, Anton Nesretiep, Sarah Rosengarten, Johanna Stock, Johanna Tauber, Michel Wagenschütz, Franziska Wildt, Lisa Woite 

Immer noch allein, Karrie? 

Eröffnung: 7. Dezember ab 19 Uhr 

Ausstellung: 8. Dezember 2013 – 11. Januar 2014 Geöffnet nach telefonischer Vereinbarung: 0179-9473040

Immer noch allein, Karriereseife?

Adopting this delicately charged question as its point of departure, Klasse Josephine Pryde / UdK, Berlin investigated ingredients of masculinity, in order to collectively produce some hand-crafted soap. The investigation of masculinity followed on from an investigation of feminism, which followed on from an investigation of infinity, which will by definition never cease.

Soap: I abject myself. In the very moment I spit, I establish myself. What am I?

Rectum: You might be anything that is, judging from what you say. But the way you smile, complacently, effervescently, bubbling away…I would guess you are a detergent, a dissolver of some sort. An inverted borderliner. Aligning to the rules.

Soap: Fuck, Rectum, it’s you!

To watch Video:

Masters of the Territory

https://vimeo.com/84755520
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https://vimeo.com/106258257
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