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atb #83 | Learning to Dwell otherwise within the ruins

Vermeir & Heiremans, Julia Cremers & PARALLAX Lab

Pressemitteilung

Learning to dwell otherwise within the ruins

Vermeir & Heiremans, Julia Cremers & PARALLAX Lab

Ausstellung: 19. März 2021 – 25. April 2021

after the butcher freut sich, in der kommenden Ausstellung zwei Künstler*innenpositionen zu zeigen, deren Arbeit sich mit Gebäuden, Ruinen und Fragen ihrer Wertschöpfung auseinandersetzt. Gleichzeitig nähern sich beide Positionen dem weiten Feld der Spekulation und fordern neue Handlungsräume dagegen ein.

Das Künstlerduo Vermeir & Heiremans zeigt den Kurzfilm A Modest Proposal (in a Black Box). Der Film untersucht, ob „Finanzialisierung“ zu einem Werkzeug für die Schaffung gerechterer Verhältnisse umgewidmet werden kann. Die Künstlerinnen schlagen ein Modell vor zur Finanzialisiserung öffentlicher Kunstsammlungen, Museumsimmobilien und/oder deren symbolisches Kapital. Dieses Modell soll einen Kreislauf des Wohlstands erzeugen, von dem nicht nur Investoren und Institutionen profitieren, sondern auch die Schöpferinnen dieser Werte, die ursprünglichen Teilhaberinnen – die Künstlerinnen und Kunstschaffenden.

Im Film diskutieren Vermeir & Heiremans die Finanzialisierung der Pump House Gallery im Battersea Park in London als Fallbeispiel mit ihrem Anwalt. Die Galerie befindet sich in der Nähe der Battersea Power Station, einem ehemaligen Kohlekraftwerk aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das nach 40 Jahren Leerstand derzeit unter Beteiligung von „Starchitekten“ wie Frank Gehry und Foster & Partners zu einem Luxus-Einkaufszentrum samt Luxus-Appartements umgebaut wird. Die steigenden Immobilienwerte in der Nachbarschaft werden den Vermögenswert des Galeriegebäudes in die Höhe „pumpen“. Bezieht man dies in das globale Finanzmodell der Künstler ein, würden Mehrwerte für die breitere Kunstgemeinschaft ausgeschüttet.
Was davon ist ironische Kritik und was Sehnsucht nach Teilhabe? In jedem Fall legen die Künstler*innen die erzeugten sozialen Spannungen und Widersprüche zwischen Spekulation und Profitmaximierung und Grundbedürfnissen nach Wohnraum offen.

Julia Cremers und PARALLAX zeigen ihre kollektiven Video- und 3D-Arbeiten Ruin Figments and Reconstructed Memories (Fantasierte Ruinen und Rekonstruierte Erinnerungen). Im Zentrum beider Arbeiten steht eine Architekturanlage im Wiener Schlosspark Schönbrunn aus dem Jahr 1778, die die Überreste nach der römischen Belagerung von Karthago 146 v. Chr. darstellt.
Diese künstliche Ruine, die zur Mode der Landschaftsgestaltung im 18. Jahrhundert passte, sollte die Macht der Habsburger Monarchie manifestieren und deren imperiales Streben über die Identifikation mit dem siegreichen Römischen Reich legitimieren: Spekulation auf kulturelles Kapital.

Die Arbeit von PARALLAX ist eine Fortführung dieser Reimaginationsprozesse in die Gegenwart hinein. Das virtuelle Pendant der Ruine wird mit fotogrammetrischen Methoden extrahiert, anschließend verzerrt und rematerialisiert. Die daraus resultierende 3D-gedruckte Skulptur macht auf implizite Veränderungen jeder Reproduktionsphase aufmerksam und hinterfragt so die kulturellen Auswirkungen des imperialen Zusammenbruchs und dessen Aneignungsversuche durch neue Machtstrukturen. Der Videoessay ist eine weitere Enthüllung dieses vielschichtigen Gebildes und legt die materiellen Ressourcen und menschlichen Anstrengungen offen, die für die Konstruktion von (virtuellen) Räumen erforderlich sind.

Ein drittes visuelles Element sind die Fotografien unter dem Titel Ruins von Julia Cremers, die militärische Befestigungsanlagen aus der Zeit des Nazi-Faschismus und der deutschen Besatzung in Bergen/Norwegen zeigen. Heute dienen sie als Kulisse für Raves. Die Umwidmung dieser historisch belasteten Orte für Veranstaltungen und Feiern kann als problematisch und befreiend zugleich betrachtet werden. Sie stellt eine Form der Wiederaneignung historisch aufgeladener Räume dar, die mit neuen Erzählungen und kultureller Bedeutung überlagert werden und so die Geschichte weiterschreiben.

A Modest Proposal (in a Black Box) wird von einer Publikation begleitet, die eine Reihe von Aufsätzen eines Symposiums zusammenfasst, das 2018 von Vermeir & Heiremans am Royal College of Art, London organisiert wurde.

Filmnachweis:

HD Video, 28′ 7″, Ton & Farbe, UK-Belgien, 2018
mit Luke Mason, Heike Langsdorf, Vermeir & Heiremans
Kamera: Amir Borenstein
Ton: Justin Bennett

Produktion: Jubilee vzw, mit Unterstützung von: Die Flämische Gemeinschaft; Art et Recherche asbl; Federation Wallonie-Bruxelles; Pump House Gallery; Wandsworth Council; Enable Leisure and Culture; Art Council England; Cockayne-Grants for the Arts; The London Community Foundation

Ruin Figments and Reconstructed Memories, Video-Essay und 3D-gedruckte Skulptur 

Filmnachweis: 
HD Video, Ton & Farbe, Deutschland-Österreich, 2021
Kamera: Lena Kocutar, Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer, Julia Cremers
Ton und Schnitt: Julia Cremers
Research: Lena Kocutar, Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer, Polina Nikoulitcheva, Julia Cremers

Vermeir & Heiremans präsentierten Arbeiten bei: 10. und 13. Istanbul Biennale (2007 & 2013), Arnolfini, Bristol (2009), Nam June Paik Art Center, Yongin (2010), Viennale, Wien (2011), 7. Shenzhen Sculpture Biennial (2012), Manifesta 9, Limburg (2012), Argos, Brüssel (2012), Extra City, Antwerpen (2012), Riga Art Space (2013), Rotwand Gallery, Zürich (2014), Triennale Brugge (2015), Dojima River Biennale, Osaka (2015), Galerie Georg Kargl, Wien (2015), Transmediale, Berlin (2016), Bucharest Biennale 7 (2016), Glassyard Gallery, Budapest (2018), The Atlantic Project, Plymouth (2018), Pump House Gallery, London (2018), Carico Massimo, Livorno (2019), Kunsten Museum of Modern Art, Aalborg (2020).

Julia Cremers absolvierte 2016 in Audiovisueller Kunst an der Gerrit Rietveld Academy Amsterdam (Bachelor) und 2018 in Bildender Kunst an der University of Bergen Faculty of Fine Art (Master). Sie präsentierte Arbeiten bei: Dutch Design Week Eindhoven (2014), Van Nelle Fabrik Rotterdam (2015), Gallerie Bart Amsterdam (2016), Eye Film Museum (2016), Bergen Kunsthall (2018), Deichtorhallen Hamburg (2019), Errant Sound (2020), Alte Feuerwache Köln (2020), Berlin School Of Sound (2021). Cremers ist seit September 2020 Mitglied bei Errant Sound.

PARALLAX Lab, Ruin Figments and Reconstructed Memories ist ein Gemeinschaftsprojekt initiiert von der Künstlerin Julia Cremers mit den Studierenden Daniel Viladrich Herrmannsdoerfer (Technomathematik, TU), Polina Nikoulitcheva (Architektur, TU) und Lena Kocutar (Lensbased Class UdK). Produziert im Rahmen von PARALLAX Lab, einer Initiative der Universität der Künste Berlin und der Technischen Universität Berlin. Mit der Unterstützung von FormLabs Berlin.